Der Tag, an dem ich erwachsen wurde

Der Tag, an dem ich erwachsen wurde

Gepostet von am 3. Okt 2016

Night in the Rain

„Ich fahre dich, wohin du willst.“

Es war ein verregneter Winterabend. Ich war völlig verfroren und gerade in das Auto meines Vaters eingestiegen. Wie so ziemlich jeden Abend, seit er das Haus auf der französischen Seite des Rheins gekauft hatte.

Ich ging weiter in Deutschland zur Schule, in die zwölfte Klasse. Es gab keine öffentliche Verbindung und ein Auto oder wenigstens den Führerschein konnte ich mir beim besten Willen nicht leisten.

Also fuhr ich morgens, teilweise schon um halb fünf, mit einem Franzosen mit, der auf der deutschen Seite in einer Fabrik die Frühschicht machte. Dann wartete ich ein oder zwei Stunden vor der Schule, bis der Hausmeister aufmachte und mir manchmal sogar eine heiße Tasse Kaffee anbot.

Nach der Schule varbrachte ich den Rest des Tages in der Stadt, meistens in der Bibliothek und fuhr abends mit dem Zug bis kurz vor die französische Grenze, wo mich mein Vater schließlich abholte.

Bis zu diesem Abend.

„Ich fahre dich, wohin du willst. Aber du kommst nicht mehr mit nach Hause.“

Jetzt hatte sie es wohl endlich geschafft …

Seine zweite Frau hatte zwei eigene Kinder mit in die Ehe gebracht und sie haben noch zwei gemeinsame Töchter. Ich war nicht ihr Kind, also gehörte ich auch nicht zur Familie.

Und jetzt hatte sie ihm also schließlich endgültig die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt: „Entweder geht dein Sohn oder ich! Und ich nehme die Kinder mit!“

 

Stell dir das mal folgendermaßen vor: Ich hatte zu Hause ein kleines Zimmer mit Bett, Schrank, Schreibtisch. Direkt neben meinem Zimmer war ein kleines Gästeklo, unbeheizt, mit so einem kleinen Waschbecken. Kein warmes Wasser.

Der Rest der Wohnung war durch eine Tür abgeschlossen, die sie meinen Vater hatte einbauen lassen. Da durfte ich nicht rein. Bzw. nur manchmal, wenn sie nicht da war und mein Vater mir kurz aufschloss, damit ich etwas essen konnte. Oder ab und zu mal warm duschen.

In dem etwa einen Quadratmeter großen Stück Flur vor meinem Zimmer, dort wo früher ein Lichtschalter gewesen war, war jetzt ein Bewegungsmelder. So wusste man immer sofort, wenn ich wegging, nach Hause kam, oder nachts mal auf die Toilette musste.

Natürlich hatte ich schnell herausgefunden, wie ich das Ding austricksen konnte. Ich musste nur im richtigen Winkel an der Wand entlangrobben und dann von unten mit einer Hand den Empfindlichkeitsregler auf „0“ drehen.

Aber stell dir das mal vor! Wenn es mir nicht selbst passiert wäre, würde ich es kaum glauben, so absurd ist das! Franz Kafka hätte seine helle Freude daran gehabt!

 

Jedenfalls saß ich nun bei meinem Vater im Auto, der Regen trommelte aufs Dach und ich konnte kaum noch was sehen, so verheult war ich. Ich war so wütend, so zornig und verzweifelt und ich schrie ihn immer wieder an. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich er sich in dem Moment gefühlt haben muss. Ich weiß gar nicht mehr, ob er überhaupt irgendwas gesagt hat, oder ob er einfach nur schweigend versucht hat, den wohl schlimmsten Moment auch seines Lebens irgendwie auszuhalten.

Und irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich hörte auf, ihn zu beschimpfen oder zu versuchen, ihn umzustimmen und stieg schließlich einfach aus. Das Rücklicht seines Autos war das letzte, das ich für viele Jahre von meinem Vater gesehen hatte.

 

Dieser Abend ist jetzt 25 Jahre her. Es ist der Moment, an dem ich erwachsen wurde.

Ein einziger Augenblick, der dein ganzes Leben verändert! Und egal wie schlimm und schwierig es dir erscheint, auch, wenn es objektiv betrachtet schrecklich unfair ist. Wenn dieser Abend nicht gewesen wäre, dann wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Es hat lange gedauert, bis ich das so sehen konnte, aber dieser Abend hat mich befreit! Meine Vergangenheit lag hinter mir und ich begriff bald, dass es nichts gab, das ich hätte tun können, um sie zu ändern. Ich stand an meinem persönlichen Nullpunkt. Ich hatte kein Geld, kein Dach über dem Kopf, und obwohl ich es noch etwa ein halbes Jahr versucht habe, hatte ich auch keine Möglichkeit mehr, die Schule abzuschließen.

Ich konnte – nein, ich musste alles hinter mir lassen und mein Leben von Grund auf neu definieren.

Kennst du das? Wenn etwas passiert und du nicht weißt, ob du traurig, zornig, verzweifelt zurückblicken sollst, oder ob du einfach die Chance ergreifen und etwas Neues aus deinem Leben machen sollst?

Was war dein Nullpunkt?

Was war dein definierender Moment, der dich zu dem gemacht hat, der du heute bist?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

    2 Kommentare

  1. [Ein Freund von mir hat mich gebeten, diese Antwort für ihn anonym einzustellen. Anm. d. Red.]

    Hi Dennis,

    einiges davon kannte ich schon, anderes noch nicht in Gänze. Danke fürs Teilen und die damit verbundenen Fragen.

    Auch Du kennst meine Geschichte, meinen Hintergrund. Was Du jedoch vermutlich nicht weißt, ist dass ich gar nicht so erwachen sein möchte, wie man es oft definiert bekommt. Hatte ich einen Nullpunkt, einen definierten Moment? Nicht nur einen. Hat mich das zu dem gemacht, was ich heute bin? Definitiv. Hat es mich erwachsen gemacht? Hoffentlich nicht zu sehr. Und dennoch hat es mich zu etwas gemacht, was, was viele nicht verstehen.

    Damals im Haus, zusammen mit den ganzen Radikalen, die jeden Tag aufs neue „übe Toleranz“ riefen, um anschließend vor dem Haus oder in der unmittelbaren Umgebung Gewalt gegen „ihre Feinde“ auszuüben, da lernte ich tolerant zu sein, gegenüber allem. Ist das eine Form des Weghörens oder Schweigens? Ganz sicher nicht. Ich nenne es lieber Zuhören, Standpunkt verstehen wollen und begreifen, was den anderen antreibt. Ist das schon erwachsen? Nein, nicht wirklich, da fehlt noch einiges.

    Meine Kinder sind nun schon seit einigen Jahren auf dieser Erde. Ich bin heilfroh, dass ich so anders zu ihnen war, als man mir angedieh. Auch wenn es ab und an Situationen gab, bei denen ich gerne die Hand erhoben hätte. hab ich nicht. Statt dessen habe ich es ihnen erklärt, dass gerade eine solche Situation war und ich mich zusammen gerissen habe. Mach mich das erwachsener? Ja, ein bisschen.

    Neulich auf der Intensivstation hat mir mein Vater Dinge erzählt, die definitiv eine Entschuldigung für alles Vergangene sein sollte. Er konnte es nicht anders ausdrücken, noch nie. Nach über 30 Jahren wendet er sich mir zu und versucht auf subtile Art etwas gut zu machen. Gut machen geht schon lange nicht mehr, aber verzeihen, das kann ich. Gehöre ich nun zu den Erwachsenen? Nicht wirklich, denn verzeihen können auch schon unsere Kinder.

    Diese und viele andere Beispiele habe ich. Nicht einen Nullpunkt, sondern viele schöne Begebenheiten verwende ich um immer ein bisschen erwachsener zu werden und ich hoffe, ich komme niemals an.

  2. Hallo Dennis,
    danke für deine erfrischende Offenheit, und die Frage nach dem Nullpunkt.
    Ich kann in meinem Leben mehrere markante Punkte entdecken, alle haben dazu beigetragen das ich heute die bin die ich bin und das ich heute den Mut habe zu mir zu stehen.
    Der erste bewußte Nullpunkt war sicher der Tod meiner Eltern als ich 14 war. Beide sind innerhalb von 9 Monaten verstorben und ich dachte nach der Beerdigung meiner Mutter, schlimmer geht eigentlich nicht, deine Welt ist eh aus den Fugen geraten. Ich wurde 5 Tage später eines Besseren belehrt als meine 17 Jahre ältere Schwester mir mit dem Satz: „Wäre es schlimm wenn deine Eltern nicht deine Eltern wären?“ eröffnete das ich adoptiert bin und sie meine leibliche Mutter ist. Meine lädierte Weltsicht zerplatzte in 1000 Scherben und ich habe viele Jhre dait zgebracht das Leben auszuhalten, irgendwie durchzukommen. Heute verstehe ich warum ich nicht in der Lage war anders z handeln, aus meiner heutigen Sicht war das allerdings nicht förderlich für mich. Wie dem auch sei, ich habe inzwischen eine ganz andere Sichtweise und bin mir dankbar das ich nicht aufgegeben habe, sondern immer versucht habe zu verstehen und persönlich zu wachsen.
    Ob ich heute erwachsen bin, ich hoffe nicht ;-), doch kann ich sagen ich bin sehr viel bewusster und mutiger als ich es je war und bin mir meiner Eigenverantwortung klar.
    Ich sehe heute die Welt mit wacheren Augen und das ist es auch was mich antreibt Menschen zu helfen, ihre Sorgen und Nöte loslassen zu können, sich selbst weiter zu entwickeln, auf meine besondere Weise.
    Es macht mich froh zu sehen, dass es mehr Menschen gibt die sich trauen offen zu ihrer Geschichte zu stehen und Dinge auszusprechen die sonst „unter den Teppich“ gekehrt werden, weil man um sein Ansehen besorgt ist. Ich bin überzeugt das ehrliches zu sich selbst stehen und seine Geschichte zu teilen vielen Menschen hilft den gleichen Schritt zu tun, auch um sich selbst akzeptieren zu können so wie man ist, perfekt unperfekt. Alles Liebe für dich Sabine

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