Wer weiß, wozu es gut ist…

Wer weiß, wozu es gut ist…

Gepostet von am 12. Sep 2016

„Wer weiß, wozu es gut ist.“

Ich höre die Stimme meines Vaters noch, als wäre es gestern gewesen. Und damit konnte er mich dermaßen auf die Palme bringen!

Mein Fahrrad geht kaputt – „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Ich verliere meinen Geldbeutel mit dem Taschengeld für den ganzen Monat – „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Früher war ich so ziemlich der Kleinste in meiner Klasse. Und besonders kräftig bin ich auch heute noch nicht. Meine Mitschüler, besonders die coolen Jungs, hatten einen Riesenspaß daran, mich zu hänseln und rumzuschubsen, mir meine Schultasche wegzunehmen, oder einander diese alberne Mütze zuzuwerfen, die ich im Winter aufziehen musste.

Und manchmal gab es auch Prügel. Nie wirklich schlimm, aber für einen Jungen in meinem damaligen Alter ist es das Schlimmste, was man sich nur vorstellen kann. Und immer wieder diese Worte: „Wer weiß wozu es gut ist.“

Seit damals sind viele viele Jahre vergangen. Ich bin heute nicht mehr der Kleinste in der Klasse, habe selbst zwei Kinder, bei denen ich mir Gedanken darüber machen muss, wie ich ihnen dabei helfen kann, mit Rückschlägen, Verlusten oder einer schlechten Internet-Verbindung zurechtzukommen.

Natürlich passieren auch mir immer wieder Dinge, denen ich auf den ersten Blick beim besten Willen nichts Gutes abgewinnen kann. Und einfach nur diesen Spruch aufzusagen – „Wer weiß, wozu es gut ist“ – hilft mir da auch nicht besonders. Es ist zunächst einfach nur eine Phrase – ein leerer Satz, der seine Bedeutung nur bekommt, wenn man ihn auch mit Leben füllt.

Und das hat vor einigen Jahren meine Großmutter getan…

Flucht vor dem Krieg

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Sie ist im Krieg aufgewachsen und hat als junge Frau sicher unvorstellbar schreckliche Dinge erlebt. Im Haus meiner Großeltern wurde nie viel über den Krieg gesprochen und das hatte sicher gute Gründe. Aber eines Tages, viele Jahre später – ich war mit Miriam und unseren Kindern gerade bei ihr zu Besuch – erzählte sie mir eine Geschichte, die mich tief im Herzen berührt hat. Und je mehr ich ihre Tragweite begriff, desto mehr erschütterte sie mich.

Sie und ihre Familie lebten und arbeiteten in einer Emaille-Fabrik in den damaligen Ostgebieten – dem heutigen Tschechien. Der Krieg wütete und da sie in ihrer Heimat nicht mehr bleiben konnten, sind sie eines Tages mit Sack und Pack Richtung Westen geflüchtet.

Sie gaben alles auf – ihre Häuser, ihr Land, ihre Fabrik – und luden ihr Hab und Gut und die Arbeitsmaschinen aus der Fabrik soweit es nur ging auf Pferdekarren und zogen los. Tagelang, wochenlang im tiefsten Winter marschierten sie nach Westen, in Richtung Dresden. Dort besaß eine befreundete Familie ebenfalls eine kleine Fabrik, der sie sich anschließen wollten. Durchhalten, bis der Krieg irgendwann vorüber ist, und sich und ihren Lieben wenigstens etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf sichern, das war alles, was jetzt zählte.

Sie zogen also unendlich lange durch Eis und Schnee, kamen kaum vorwärts in der Kälte und verbrachten ihre Nächte notdürftig unter schmutzigen Wolldecken, zwischen den klammen Säcken, Kisten und rostigen Geräten auf ihren Pferdewagen. Nicht nur die Menschen waren schrecklich erschöpft, auch für die Pferde war es eine endlose Qual und immer mehr der Tiere brachen zusammen.

Unglück

Sie waren schließlich kurz vor Dresden und wollten die Stadt noch am selben Abend erreichen, denn es wurde immer stürmischer und es war schon längst nicht mehr sicher, ob jeder von ihnen am nächsten Morgen überhaupt noch aufwachen würde.

Doch auch so kurz vor dem Ziel brachen wieder ein paar der schweren Wagen in der Schneedecke ein. Sie versuchten verzweifelt, mit Hilfe der Pferde die Last herauszuziehen, wobei auch manche der Tiere erschöpft zusammenbrachen und schließlich in der Kälte verendeten. Die ganze Kolonne steckte fest kam nicht mehr weiter. Es blieb ihnen keine Wahl, sie würden noch ein oder zwei Tage länger unterwegs sein. Sie schlugen also ihr Lager auf und rüsteten sich für eine weitere, schrecklich kalte Nacht.

b-17_flying_fortressSie saßen zusammengekauert am Feuer und auf ihren Wägen, als langsam ein dumpfes Donnern aus westlicher Richtung ertönte. In der Stille der Nacht waren schon von weitem die Sirenen zu hören und sie sahen plötzlich, wie über der ganzen Stadt unzählige Explosionen aufflackerten. Sie hörten das dumpfe Wummern der Bomben und der ganze Horizont war stundenlang orange und rot erleuchtet. Der Nachthimmel bekam eine Aura aus Feuer und Zerstörung. Sie wurden Zeugen der großen Bombennacht, in der die Stadt Dresden zerstört wurde.

Die Fabrik, der sie sich anschließen wollten, existierte nicht mehr.

Wenn das Wetter besser gewesen wäre, wenn die Pferde länger durchgehalten hätten, wenn die Karren nicht eingebrochen wären, wenn der Flüchtlingszug einfach ein bisschen schneller vorangekommen wäre, dann hätten sie alle diese Nacht nicht überlebt.

Wenn sie, wie geplant, am Abend in der Stadt angekommen wären und in der Fabrikhalle hätten übernachten können, dann wäre nach dieser Nacht auch meine Großmutter Hilde nicht mehr am Leben gewesen.

Es wäre niemand mehr da gewesen, der mir diese Geschichte hätte erzählen können. Und auch ich wäre niemals da gewesen, um ihr dabei zuzuhören…

Meine Mutter, meine Schwester, ich, meine Kinder, wir alle verdanken unser Leben – unsere ganze Existenz – diesem einen Unglück in jener Winternacht vor den Toren Dresdens.

Die Kraft der Geschichten

Wann immer mir heute etwas schlimmes widerfährt, erinnere ich mich an den Satz, den mein Vater mir so sehr eingeprägt hat: „Wer weiß, wozu es gut ist.“ Aber heute hat dieser Satz eine echte Bedeutung für mich. Die Geschichte meiner Großmutter hat ihn mit Leben gefüllt.

Sie ist 93 Jahre alt geworden und hatte ein langes und bis auf die letzten paar Jahre auch wirklich gesundes Leben. Dank jener Nacht hatte sie die Chance, jedes einzelne Kind in ihrer Familie – ihre Tochter, ihre beiden Enkelkinder und ihre zwei Urenkel und vier Urenkelinnen im Arm zu halten und ein aus heutiger Sicht glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Was ist deine Geschichte?

Wann ist Dir zum letzten Mal etwas passiert, dem Du beim besten Willen nichts Gutes abgewinnen könntest?

Gibt es auch in Deinem Leben eine Geschichte, die Dir den Mut gibt, hinter den schwierigsten Ereignissen oder Auseinandersetzungen eine Chance für die Zukunft zu sehen?

Wenn du willst, schreib mir gerne einen Kommentar mit deiner Wer-weiß-wozu-es-gut-ist-Erfahrung.

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